Hilfsmittel + Nachbarschaft | 2019-21

Moabit Hürdenfrei

Schaufenster-Ausstellung 27.03 – 11.04.21

Hallo! Wie schön, dass du stehen geblieben bist.

Herzlich Willkommen zu unserer Fenster-Ausstellung “Moabit Hürdenfrei”. Wir haben alltägliche Geschichten von Moabiter*innen während unseres zweijährigen Projektes „Moabit Hürdenfrei“ gesammelt und an Orte verteilt, an denen sozialer Zusammenhalt stattfindet. Hiermit wollen wir dir das Thema der Inklusion näher bringen.

An jedem Ort findest du ein Portrait der erzählenden Person mit deren Geschichte. Mithilfe eines QR Codes kannst du dir die Geschichten auch vorlesen lassen.

Viel Spaß beim Spazieren!
Vasy, Lina und Amélie.

Text vorlesen

1. Marlon

Hallo, ich bin Marlon und bin ich 19 jahre alt.
Ich studiere Maschinenbau in Stralsund, aber meine Heimat ist in Moabit West.

»Inklusion bedeutet für mich, dass man sich die Zeit nehmen sollte, an alle Personen zu denken, wenn man etwas gestaltet.«

Oft führt mich mein Weg, wenn ich wieder hier bin zur Kurt-Tucholsky-Bibliothek im Stadtschloss. Hier habe ich früher viel Zeit verbracht. Heute fällt mir der Weg hierhin viel leichter. Ich habe eine Operation hinter mir, die mir das Gehen wieder ermöglicht hat.

Damals war ich eine Zeit lang auf Gehhilfen und einen Rollstuhl angewiesen. Meine Mitschüler*innen und Lehrer*innen mussten mich dabei unterstützen, die Stufen bis in unseren Klassenraum zu überwinden. Aber viele meiner Freund*innen konnte ich in dieser Zeit nicht zu hause besuchen, da es keinen Fahrstuhl in ihren Häusern gab.

Darum schätze ich einen Ort wie diesen umso mehr, der mir den Zugang immer ermöglicht hat. Was ich außerdem gelernt und mitgenommen habe ist, dass es sehr wichtig ist auch an Menschen mit unsichtbaren Behinderungen zu denken.

Nach meiner Operation kann ich nun zwar wieder gehen, trotzdem gibt es Situationen in denen ich Pause brauche oder einen Ort zum Sitzen. Diesen Ort konnte ich mir viel einfacher nehmen, als ich sichtbare Hilfsmittel mit mir getragen habe.

2. Jutta

Guten Tag, ich bin Jutta und lebe seit 64 jahren in Moabit.

»Inklusion bedeutet für mich die absolute Teilhabe am körperlichen, seelischen und gesellschaftlichem Geschehen und zwar jeden Alters und jeder sozialer Lage. Nur so erreichen wir Chancengleichheit und schaffen keine Selektionen!«

Seit 16 Jahren bin ich hier Quartiersrätin und bin besonders an barrierefreien Zugängen von öffentlichen Gebäuden interessiert. Vor Allem im Zusammenhang mit den Wahlen, die oft in Schulen stattfinden. Um Barrieren abzubauen, ist eine enge Zusammenarbeit der Behindertenorganisationen, der Politik und der Bürgerinnen und Bürger notwendig. Denn es ist nicht nur unsere Aufgabe an der technischen “Inklusion“ zu arbeiten, sondern auch an der „Selbstverständlichkeit“ in der Gesellschaft. Denn Barrierefreiheit beinhaltet nicht nur die Mobilität, sondern alle Notwendigkeiten des täglichen Lebens.

Was Moabit angeht, gibt es noch einiges zu tun. Hier ist die Barrierefreiheit nicht in allen Schulen, Jugend – und Seniorenfreizeiteinrichtungen gegeben. Dadurch ist neben den genannten Einschränkungen auch die Wahlfreiheit: Wo gehe ich hin?- eingeschränkt. Das wollen wir ändern!

3. Abbas

Hallo, Ich bin Abbas, 15 Jahre alt und komme aus Syrien.

»Wir sind eine Community und versuchen gemeinsam wichtige Themen auf die Bühne zu bringen. Und das sollte als Vorbild für die Gesellschaft dienen!«

Ich bin mit meinem großen Bruder nach Berlin gekommen. Ich spiele gerne Fußball oder gehe ins Museum. Ich gehe in die Miriam-Makeba-Schule und habe einige Freunde dort.

Ins Theater X hat mich einer meiner Freunde vor ein paar Monaten mitgenommen. Ich wusste nicht ob ich Theater mag. Aber das Theater X mag ich, weil wir alle mitbestimmen können und weil wir hier Stücke machen über Themen die ich wichtig finde: Rassismus zum Beispiel.Wir reden über ernste Themen aber oft ist es auch lustig und wir lachen viel gemeinsam.

Das Theater X bietet mir die Möglichkeit viele neue Menschen kennen zu lernen. Manche haben ähnliches erlebt wie ich und wir können Erfahrungen austauschen. Nach der Probe sitzen wir manchmal noch zusammen und reden oder essen zusammen.

Mehr Infos über das Theater-X findest du hier.

4. Reiner

Reiner ist 1951 in Berlin geboren. Er lebt in einer betreuten Wohngemeinschaft vom Unionhilfswerk, an der Grenze zwischen Moabit West und Charlottenburg.

»Wenn es um Menschen mit Behinderungen geht, denke ich, dass man uns mehr Selbstvertrauen geben könnte.«

Anfang der 80er Jahre hat er angefangen seine Biographie zu schreiben und im Jahr 2014 veröffentlichte er sie unter dem Titel “Meine Memoiren”. Im inklusiven Workshop “andersartig” haben sich 15 Kinder und 5 Erwachsenen mit Behinderung, aus der Nachbarschaft im Moabiter Schulgarten, zusammen mit dem Thema Leben mit Behinderung beschäftigt. Reiner hat an dem Workshop teilgenommen und war überrascht, wie die Kinder in Rollenspielen sich in seine Situation hineinversetzt haben. Wie Reiner sagt, werden oft Menschen mit geistiger Beeinträchtigung wie kleine Kinder behandelt. Scanne der QR Code um die Geschichte von Reiner zu hören.

Willst du mehr über Reiner und das Projekt erfahren?

Schaue das Interview von Reiner von der association {accolade} auf regarde-moi.org
und das Video über den Workshop andersartig.
Kontakt : andersartigmoabit@gmail.com

5. John

Hi – mein Name ist John und ich bin freiberuflicher Designer.

»Mein Rollstuhl hindert mich nicht daran, selbstständig durch die Stadt zu fahren. Eine Recherche zur Barrierefreiheit an meinen Weg – und Zielorten ist jedoch immer notwendig!«

Nach einem Sportunfall bin ich auf einen Rollstuhl angewiesen. Das hindert mich allerdings nicht daran, selbstständig durch die Stadt zu fahren und aktiv am öffentlichen Leben teilzunehmen. Im Alltag nutze ich vorwiegend die öffentlichen Verkehrsmittel.
Momentan denke ich über einen Umzug nach Moabit West nach. Und dafür bin ich auf der Suche nach Orten, die ich hier problemlos besuchen kann. Ich gehe gerne mal in einen Club tanzen oder in eine Kneipe. Oder trinke einfach ein Bier mit Freunden vor dem Späti. Für meine Arbeit freue ich mich zudem über den Zugang zu einem CoWorking-Space, zu einer Bibliothek oder einem schönen Café.

Hast du passende Orte im Kopf?

6. Giulia

Ciao, mein Name ist Giulia.

»Eine Speisekarte, die die Braille-Schrift enthält, ist eine große Hilfe für mich. Aber auch freundliches Personal oder Besucher*innen, die mir bei Fragen zur Orientierung helfen können.«

Ich bin in Italien aufgewachsen und lebe nun in Moabit. Seit meiner Geburt habe ich eine Sehbehinderung. Deshalb nutze ich im Alltag und vor allem wenn ich draußen unterwegs bin einen Blindenstock. Durch den bin ich ziemlich selbstständig. Allerdings gibt es zahlreiche Barrieren auf den Gehwegen, die mir die Orientierung und das Zurechtfinden erschweren. Passt auf wenn du dein Fahrrad auf dem Gehweg parkt!

Hier rund um die Turmstraße liebe ich es zusammen mit meinen Freundinnen einkaufen zu gehen. Es macht so viel Spass die Stoffe der Klamotten zu berühren und wenn meine Freundinnen mir die Muster und Farben beschreiben.

Ich gehe auch gerne ins Café einen Espresso und ein Stück Kuchen genießen. Die Möglichkeit mir mithilfe einer Braille – Schrift Speisekarte das Angebot selbständig durchlesen zu können, freut mich immer besonders.

Leider gibt es zu wenig Geschäfte die das anbieten. Die Agentur mit-braille-punkten.de ist eine barrierefreie Druckerei die sowas anbietet. Vielleicht gibst du diese Idee beim nächsten Besuch deines Lieblingsrestaurants weiter?

7. Luca, Ajoscha und Lionel

Hallo, ich bin Luca. Und das sind meine Söhne Ajoscha und Lionel.

»Von Barrierefreiheit profitieren wir alle – hier haben wir dafür ein passendes Beispiel gefunden!«

Wir kommen gerne auf den Otto-Spielplatz. Dorthin machen wir uns mit dem Kinderwagen und dem Fahrrad auf den Weg.

Hier gibt es immer tolle Angebote! Ajoscha berichtet gerne von dem Workshop und seiner Erfahrung mit geschlossenen Augen Buchstaben der Brailleschrift zu ertasten. Diese hat er beim Bemalen der Schilder gemacht. Und er erzählt von dem Tag, an dem aus Holz der große Weg über die Spielplatzfläche gebaut wurde.

Bei dem Workshop konnte er so richtig mithelfen und hat viel mitgenommen. Über den Weg kann er nun mit seinem Fahrrad fahren. Die Kinder im Rollstuhl haben die Möglichkeit mit im Geschehen auf dem Spielplatz zu sein. Und auch ich kann den Kinderwagen hinüber schieben. Das ist toll!

8. Wolfgang und Maria

Hallo, wir sind Wolfgang und Maria und wohnen in der Nachbarschaft der Gotzkowskystr.

»Inklusion bedeutet für uns: Einfach die Gesellschaft genießen zu können. Hier haben wir einen Ort dafür gefunden.«

Wir sind gerne im Treff am Ottopark und nehmen an vielen Angeboten teil. Der Kurs zum Umgang mit dem Smartphone zum Beispiel, ist für uns sehr hilfreich gewesen. So können wir nun mit unseren Enkelkindern kommunizieren. Aber wir kommen auch gerne einfach zum Kaffee und Kuchen vorbei. Nur Maria fällt es in großen Gruppen aufgrund ihrer Schwerhörigkeit manchmal schwer den Gesprächen zu folgen. Bei unserem letzten Kaffeeklatsch haben wir uns über einen möglichen Tanzabend unterhalten. Das wäre toll! Da können wir gemeinsam bei lauter Musik tanzen und Maria kann einfach die Gesellschaft genießen.

Moabit Hürdenfrei ist ein Projekt von be able e.V in Kooperation mit id22e.V.

Das Projekt wurde im Rahmen des Städtebauförderprogramms „Sozialer Zusammenhalt“ gefördert.